Im Zeichen der Freundschaft: die Rasselbande on tour!

„Wir bräuchten einen Bus nach Potsdam. Wegen Fußball.“ Der Busunternehmer lehnte sich zurück und verschränkte die Arme: „Dynamo?“ „Nein. St. Pauli.“ Der skeptische Blick verwandelte sich in einen freundlichen: „Na, klar!“.

Babelsberg03 gegen FC St. Pauli: Zeckenderbytime. Schon seit Wochen war es immer wieder Gesprächsthema im Pawlow, der guten alten Menschenfalle. Aber niemand kümmerte sich intensiv um die Anreise, die Vorbereitung auf das Antira-Turnier der DSC-Fanszene eine Woche zuvor sowie die Beherbergung von Scheißegal, St. Pauli! verlangte alle Kräfte. Da ergriff Bötschie die Initiative, schwankte geradewegs in das nächste Busunternehmen und machte einen großen Bus für wenig Geld dingfest. Nun hieß es nur noch, das Gefährt zumindest zur Hälfte zu füllen. Die Anmeldungen tröpfelten, ein bisschen Angstschweiß, Mobilisierung auf allen Kanälen, freundliche Anfragen, scharfe Ansagen. Es wurden mehr auf der Liste. Wenige Tage vor dem Zeckenderby wussten wir: Ja, die obligatorischen 25 St. Paulianer bekommen wir zusammen. Und Horschte, unser Schneeflöckchen, war sich sicher: Es wird ein Fest.

 

Freitag, 14 Uhr, Petrikirche in Pieschen: Der Bus wartete bereits. Einige Anreisende mit der Tram aus der Äußeren Neustadt und dem stets pünktlichen Kollegen aus dem Hechtviertel (nämlich mir: zonenschwäbische Selbstdisziplin, schneidet euch mal eine Scheibe davon ab!) trudelten um punkt zwei ein. Einige waren schon da, auch die anderen kamen nur wenig verspätet. Es fehlten nur noch sechs: die Ärgerpatienten aus der Lausitz. Drei standen direkt um die Ecke im Stau und waren dann eine halbe später da. Der Fahrer hatte derweil den Bus schon mehrfach angeworfen und dann wieder ausgemacht. Fehlten noch die anderen drei. Die Kontaktperson erreichte sie nicht. Na gut, also los. Keine zwei Minuten später, wir fuhren bereits, meldeten sie sich plötzlich. Seien gerade am Bahnhof Neustadt. Gut, wir fuhren die Aral-Tankstelle vor dem Stadtausgang und warteten nochmals eine halbe Stunde. Endlich waren wir vollzählig. Immerhin 35 Leute. Nicht schlecht für ein Testspiel am Freitag.

So zuckelten wir durch Sachsen und durch Preußen mit einem Busfahrer der angenehmsten Sorte. Und erneut mit Businsassen, die sich bei Hin- und Rückfahrt von der besten Seite zeigten. Viel Alkohol, keinerlei Stress, sondern nur gemeinsame Feierei. Das verleitet mich zu Überlegungen, warum man denn ständig schlimme Geschichten von den Hamburger Fanladen-Bussen hört. Meine These: Wir haben stets eine große, sich kennende Runde, alle hängen irgendwie zusammen, das scheint die Wahrscheinlichkeit von Ausfällen erheblich zu reduzieren. Oder aber: die Dresdner Bande verträgt Alkohol einfach besser als der Hamburger Pöbel. Wohl eine Mischung aus beidem. Schluss mit dem Soziologie-Gesülze, weiter im Text:

 

In Potsdam angekommen, begegneten uns auf der Fahrt schon viele St. Paulianer und Babelsberger, die uns wohlgesonnen schienen. Im Bus brodelte die Stimmung, die rauen, biergetränkten und rauchgeschwängerten Stimmen erhoben sich zu St. Pauli-Liedern, engelsgleich und teufelsähnlich dargebracht. Jene, die noch nie in Babelsberg waren, quollen die Augen über ob der Tatsache, dass das Karl-Liebknecht-Stadion mitten im Viertel steht. Manch Auge entfleuchten dann beinahe den Augenhöhlen, als wir das schöne Oldschool-Stadion betraten, welches bereits gut gefüllt war. Der Mob zerstreute sich auf verschiedene Plätze und verfolgte ein Spiel, in dem St. Pauli die erste Halbzeit dominierte und Babelsberg in der zweiten Hälfte Dampf machte. Aber das Spiel war nur der Anlass zu einer großen Freundschaftsfeier, 6200 Zuschauer, davon knapp 1500 St. Paulianer, ließen die gemeinsame Grundeinstellungen der Fanszene hochleben. Zahlreiche Banner, Fahnen und Spruchbänder, manchmal auch ein bisschen neckisch, schöne Choreografien, über 90 Minuten Stimmung in den Blöcken. Und: Pyrotechnik in bunten Farben, vom grandiosen, potsdamerisierenden Stadionsprecher mit dem lakonischen Hinweis versehen, dass das ja verboten sei. Wer schlau war, konzentrierte sich ganz auf dieses Fest, und kam nicht auf die Idee, sich ein Bier zu holen. Der Caterer, von dem sich Nulldrei inzwischen getrennt hat, war völlig überfordert, die Schlangen erschreckend lang, es dauerte zum Teil wohl über eine halbe Stunde. Doch dies konnte die Freude nicht trüben, zumal bis auf den Busfahrer sowieso alle Reisenden überzeugte Verfechter des Straight Edge. Wobei ich hier einwerfen muss, dass manche über das Ziel hinausschießen. Man sollte versuchen, andere von diesem Lebensweg mit Argumenten zu überzeugen, nicht mit Verknappung des Angebots oder gar Verboten. Franky vertrat, daran hatte sich der Streit entzündet, die Meinung, dass das Pawlow künftig rauchfrei sein und nur noch antialkoholische Getränke anbieten solle. Bei einem insgesamt friedlichen Ausflug entstand deswegen beinahe eine Wurzelei, bis Horschte beherzt eingriff und schlichtete.

Noch ein bisschen über das Straßenfest gewackelt, aus Solidarität Bier gekauft und dann ab in den Bus Richtung Ultrash. Interessante Bands hatten sich angekündigt, unter anderem Notgemeinschaft Peter Pan aus Hamburg. Erneute Zerstreuung, manche stürmten das Gelände gleich, andere blieben noch einige Stunden draußen. Die zweite Gruppe sah dann, warum sich Polizisten gerne über Überstunden beschweren können, ihnen dafür als Reaktion aber nicht Verständnis, sondern der Mittelfinger entgegengebracht gehört. Auf jedem noch so kleinen Dorffest gibt es mehr Ärgerpotenzial als auf diesem Festival, auf dem sich zwei befreundete Fanszenen treffen. Ein Großaufgebot an Polizei war in seiner Überflüssigkeit nur als das zu deuten, was es wohl war: eine Machtdemonstration. Dafür bekamen sie von der Meute „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“ und andere Sprüche an den Kopf geknallt. Vollkommen zu recht.

 

Irgendwann war die ganze Bande auf dem Festival, knüpfte Freundschaften, lauschte Konzerten, feierte wie Bauwagenmeister mit nacktem Oberkörper zusammen mit der Notgemeinschaft Peter Pan auf der Bühne, trank Bier, suchte erfolglos was zu essen, weil die Stände irgendwann abgebaut waren. Der wundervolle Abend neigte sich dem Ende, Sammlung war angesagt, aber leichter gefordert als durchgeführt. Suchtrupps durchforsteten das Gelände, einer nach dem anderen wurde eingesackt. Endlich fand sich auch Mütze, neben dem Kickertisch schlafend. Die Weckversuche mit brachialer Gewalt glückten, doch Mütze hob theatralisch an: „Ohne meine Freundin fahre ich nicht!“ „Dann suche sie, Kunde!“ Er fand sie, wir konnten fahren. Die Heimfahrt war geprägt durch ausklingende Ekstase, manche verarbeiteten die ganzen Eindrücke im Gespräch, manche tranken verträumt ein Bierchen, andere bevorzugten die Auseinandersetzung im Tiefschlaf. Um vier in etwa kamen wir wieder in Dresden an. Alle glücklich und etwas müde.

 

Dem Fanclub-Mediator hat die Reise gar so gut gefallen, dass er nicht mehr aussteigen wollte. Er schmiegte sich in seinen Sitz, krallte sich fest, verbiss sich in der Lehne: Nur nach intensiver Überzeugungsarbeit verließ er das Gefährt und stieg in das Taxi. Im Pawlow ward er danach nicht mehr gesehen. Auch Punks werden scheinbar alt oder gar vernünftig. Oder haben eine Aufsichtsperson. Einige, bei denen alle drei Punkte nicht zu trafen, bugsierten sich noch mit letzten Kräften, sich etwas lallend selbst anfeuernd, zur Freude Bumas ins Loch. Und tranken nicht mehr viel.

andi_dd

 

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