Kiew – EM 2012 – Ein Reisebericht

Nach 2004 in Portugal, sollte es nun wieder zu einer Europameisterschaft gehen. Die EM 2008 musste auf Grund von Familienplanungen abgesagt werden. Beginnen sollte die Reise am Dresdner Hauptbahnhof, von wo es mit dem Zug in die tschechische Hauptstadt ging. Im Vorfeld der Reise überlegten wir, ob wir die ganze Strecke nach Kiew mit dem Zug zurück legen sollten. Schlussendlich entschieden wir uns für die komfortablere Variante (Flug), da die Zugfahrt ähnlich ins Reisebudget eingegriffen hätte. Innerhalb von zwei Stunden erreichten wir die ukrainische Hauptstadt. Das Flugzeug wurde irgendwo auf dem Flughafen geparkt, weshalb uns ein Bus zum Einreiseschalter brachte. Warnhinweise an den Wänden sowie einige Flyer wiesen uns darauf hin, dass wir die Prostitution in der Ukraine nicht unterstützen sollten.

Nicht, dass wir das vorgehabt hätten, aber leider hat die Ukraine die höchste HIV - Neuinfektionsrate in Europa. Des Weiteren wurden verschiedene Vorschriften für das Verhalten in der Öffentlichkeit beschrieben. In der Ukraine ist es unter Anderem untersagt, an öffentlichen Plätzen Alkohol zu konsumieren. Beste Grundvoraussetzungen für den „normalen“ Fußballfan also. Da ich bekanntermaßen aber eh nicht wirklich Alkohol trinke, war dieser Warnhinweis nur eine Randnotiz für mich.

 

Um in die Innenstadt zu gelangen, ging es vom Flughafen mit dem Bus zur nächstgelegen U-Bahn Station (Boryspilska). Dort kauften wir uns für 20 Hrywnja (umgerechnet 20 Cent) eine U-Bahn Fahrkarte. Diese Fahrkarte, auch Token genannt, konnte man im gesamten U-Bahn Netz unabhängig von der Fahrzeit (inkl. Umstieg) für eine Fahrt nutzen. Kurz vor 21 Uhr erreichten wir unser Hotel, was sich glücklicherweise unmittelbar an einer U-Bahn Station befand. Der Check-In verlief problemlos und wir erhielten unsere Zimmerschlüssel.

 

Am nächsten Tag sollte es gleich mal in die Innenstadt von Kiew gehen. Als wir die U-Bahn-Station verließen, konnten wir als erstes die offizielle Fanzone entdecken. Die Fanzone, die mehr als 80.000 Besuchern Platz bieten sollte, befand sich direkt am „Unabhängigkeitsplatz“. Da wir in unserem Hotel kein Frühstück dazu buchten (hätte umgerechnet 12€ pro Person gekostet) machten wir uns auf die Suche nach einer geeigneten „Futterstelle“. Meine reizende Begleitung entschied sich auf Grund des großen Hungergefühls für den nächstgelegenen Waffelstand. Danach folgte ein kleiner Stadtbummel, ehe es wieder Richtung Hotel ging. Um für die nächsten Tage ein entsprechendes Frühstück zu haben, kauften wir im nahegelegenen Supermarkt alle nötigen Lebensmittel ein.

 

Am nächsten Tag stand bereits das Viertelfinale zwischen England und Italien auf dem Programm. Vor der Begegnung war klar, dass wir den nächsten Halbfinalgegner der deutschen Nationalmannschaft sehen sollten. Vier Stunden vor Anpfiff machten wir uns auf den Weg zum Olympiastadion. Kurioserweise war die U-Bahn-Station, die direkt am Stadion liegt, am Spieltag selbst geschlossen. Von der nächsten Station ging es dann per Fuß zurück zum Stadion. Auf dem Weg dorthin, kamen uns mehrere hundert Schwarzmarkthändler entgegen, die meist mehr als 20 Eintrittskarten in den Händen hielten. Eigentlich ziemlich traurig, wenn man bedenkt, dass bei der Ticketvergabe der UEFA viele Fußballfans leer ausgegangen sind. Das Ticketprogramm scheint mehr als umstritten zu sein, da einige sportbegeisterte Menschen auf Grund der Eintrittspreise und wenig transparenten Ticketvergabe von vornherein ausgeschlossen werden. Unverständlich auch, warum es keine speziellen Angebote für die Ukrainer gab. Zur WM 2012 in Südafrika konnten die Einwohner zumindest eine kostengünstigere Variante an Eintrittskarten wählen. So gab es neben den bekannten drei Ticketkategorien eine weitere, die an die wirtschaftliche Situation der Südafrikaner angepasst war. Sicherlich wurden auch hier Menschen ausgeschlossen, aber man hatte sich zu mindestens bemüht, eine breitere Masse an Menschen an der WM teilnehmen zu lassen.

 

Nun aber zum Viertelfinalspiel England gegen Italien: Bereits am Einlass gab es auf Grund unserer DSC-Fahne einige Probleme. Der Ordnungsdienst wies uns auf die Stadionordnung hin. In dieser stand, dass Zaunfahnen eine Gesamtlänge von 2m nicht überschreiten dürfen. Während der Ordnungsdienst mittlerweile auch meine bereits erwähnte Reisebegleiterin auf die „Rules“ hinwies, verhandelte ich mit dem Chef des Ordnungsdienstes. Da ich in meinem Beruf eine gewisse Kompromissbereitschaft mitbringen muss, machte ich nach fast endlosen Diskussionen den Vorschlag, die schöne Fahne einfach in der Mitte zu teilen. Auf diesen Deal lies sich der Ordnungsdienst ein. Also zeriss ich fachmännisch unsere DSC-Fahne. Aus „Eins“ mach „Zwei“. So ging es mit zwei kleinen Fahnen durch den Stadioneingang. Nach Betreten des Stadions fragte ich mich, was sich die Jesters wohl noch so alles einfallen lassen würden, damit die Fahne nicht aufgehängt werden kann. Das mit dem Ordnungsdienst war schon eine ziemlich ausgefuchste Idee, die Jesters machten die Rechnung jedoch ohne meine großzügige Kompromissbereitschaft ;).

 

Im Stadion suchten wir unsere Sitzplätze, welche sich im Unterrang hinter dem Tor befanden. Dort platzierte ich die Fahne. Da mich ein leichtes Hungergefühl plagte, schleppte ich mich zur Stadionversorgung, während meine bessere Hälfte die Fahne verteidigte. Da ich natürlich auch hier in Kiew dem Kommerz frönen wollte, bestellte ich zwei Sandwichs und Softgetränke. Noch nicht einmal am Sitzplatz angekommen, gestikulierte besagte Hälfte schon wild herum und gab mir zu verstehen, dass ich mich gefälligst alleine um meine Fahne kümmern solle. In der Zwischenzeit wollten wohl zwei Italiener die Fahne abhängen. Nach dem ich genüsslich mein Sandwich verzehrt hatte, kamen die „Tifosi“ zu mir und fragten, ob ich meine Fahne woanders platzieren könne. Sie wollte gern alle italienischen Zaunfahnen nebeneinander hängen. Diesen Wunsch konnte ich natürlich nachvollziehen, weshalb ich zustimmte. Beide packten mit an und wir platzierten die Fahne weiter links in der Kurve. Diesen beiden „Tifosi“ ist es am Ende zu verdanken, dass die Fahne dann so gut im Fernsehen zu sehen war.

 

Noch ca. eine Stunde bis zum Anpfiff. Bis zu selbigem wurden wir von kommerziellen Werbeeinblendungen zugeschüttet und erlebten ein nerviges Vorprogramm mit jeder Menge lauter Musik. Ein kleiner Mann im Anzug mit Hut sollte dem Publikum vor dem Spiel so „richtig“ einheizen. Man stelle sich vor, unser Hofmännchen würde vor jedem Heimspiel zu überdurchschnittlich lauter Ska-Musik über die Tartanbahn hüpfen und die Zuschauer übers Mikro animieren. Allerdings möchte ich nicht wissen, welche Substanzen vorher verabreicht werden müssten, damit das Hofmännchen das mit sich machen lassen würde. Der Showmaster schien auf jeden Fall mit Hilfe gewisser Substanzen „startklar“ gemacht worden zu sein.

 

Püntklich um 21:45 Ortszeit pfiff der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca das letzte Viertelfinale der Europameisterschaft 2012 an. Das Spiel war bis auf einige hundertprozentigen Torchance beider Mannschaften wenig hochklassig. Von den englischen Fans, die für ihren lautstarken Support bekannt sind, kam wenig bei uns an. Einziger Höhepunkt auf den Rängen war die angebrochene bzw. unterbrochene „Laola-Welle“. Die englischen Fans blieben einfach stehen und taten nicht dergleichen, die „Laola-Welle“ weiter voranzutreiben. Das gefiel den meisten Zuschauern überhaupt nicht, weshalb nun die Italiener lautstark unterstützt wurden. Vereinzelt konnte man während des Spiels auch „Ukraina“ Sprechchöre hören. Zum Spiel selbst braucht man nicht viele Worte verlieren, da auch die Verlängerung torlos blieb. Das folgende Elfmeterschießen gewannen die Italiener bekanntermaßen mit 4:2 gegen England. Den gehaltenen Elfmeter von Buffon (gegen Ashley Cole) veredelte der in der 2.Halbzeit eingewechselte Allesandro Diamanti. Nach Spielschluss verließen die Zuschauer fluchtartig das Stadion. Auch wir machten uns nach einem kleinen Zwischenstopp beim Stadionimbiss schnell auf den Weg zum Hotel.

 

In den darauffolgenden Tagen besuchten wir einige wichtige Sehenswürdigkeiten der Stadt. Neben dem historischen Stadttor („Goldenes Tor von Kiew“) besuchten wir das von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannten „Höhlenkloster“. Anschließend schauten wir uns das große „Mutter-Heimat-Denkmal“ an, welches den Mittelpunkt einer Gedenkstätte bildet, das an den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg erinnern soll. Auf dem Gelände stehen neben Panzern und Flugzeugen jede Menge anderer Kriegsgegenstände. Umrahmt wird das ganze von militärischen und sozialistischen Hymnen und Durchsagen, welche aus großen Lautsprecherboxen schallen.

 

Um nicht nur die schönen Seiten dieser Stadt zu erkunden und zu genießen, entschieden wir uns für den Besuch von „Babyn Jar“. „Babyn Jar“ (ukrainisch: Бабин Яр), was übersetzt soviel heißt wie Weiberschlucht. An diesem Ort wurden im September 1941 innerhalb von zwei Tagen über 33.000 Juden systematisch mit Maschinenpistolen ermordet. Dies war eine der größten geplanten Mordaktionen im Zweiten Weltkrieg. Durch eine getarnte „Evakuierungsaktion“, die von der Wehrmacht geplant und durchgeführt wurde, "schaffte" man es, die in Kiew lebenden Juden an diesen Ort zu bringen. Bis zur Befreiung im November 1943 durch die „Rote Armee“ fanden in „Babyn Jar“ weitere Massenerschießungen statt. Unterschiedlichen Schätzungen zu Folge, sollen im Zweiten Weltkrieg an diesem Ort zwischen 150.000 und 200.000 Menschen ihr Leben gelassen haben.

 

In der Nähe der U-Bahn-Station Dorohoschytschi erinnern heute mehrere Denkmäler an die schrecklichen Ereignisse von „Babyn Jar“. Am meisten hat uns dabei das Denkmal für die in „Babyn Jar“ ermordeten Kinder bewegt. Das ganz unterschiedlich mit der Geschichte umgegangen wird, erlebten wir, als wir in die Nähe der Schlucht gehen wollten. Überall lag Müll herum und keiner schien sich für die Pflege rund um das Gelände verantwortlich zu fühlen. Einzig eine eingerichtete Pilgerstätte scheint diesen Ort noch zu pflegen. Wir würden uns wünschen, das dieser Ort nie in Vergessenheit gerät.

 

Finale: Italien – Spanien

 

Auch wenn die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale die Segel streichen musste, fieberten wir dem Finale in Kiew entgegen. Sicherlich hätten wir in der Heimat vor dem eigenen Fernseher weniger gefiebert. Aber was ist schon vor dem eigenen Fernseher, wenn man Live vor Ort ist. Die Stadt war mittlerweile rot-gelb-rot und grün-weiß-rot gefärbt. Das mehr Spanier vor Ort waren, konnte man schnell erkennen bzw. hören. Überall waren die Anhänger der „La Roja“, zu Deutsch der „roten Furie“, zu beobachten. Vereinzelt waren aber auch „Tifosi“ zu sehen. Schon weit vor Spielbeginn machten wir uns auf dem Weg zum Olympiastadion. Wir wollten die gesamte Endspielatmosphäre aufsaugen und genießen. In Stadionnähe ließen wir uns im Lieblingsrestaurant so richtig verwöhnen. Die typisch ukrainische Küche kann nur weiterempfohlen werden. Ob Varenyky oder geschmortes Schweinefleisch a la Guzul, die Speisekarte war üppig und bot viele Leckereien.

 

Nach dem wir uns den Bauch voll geschlagen hatten, machten wir ein kleinen Verdauungsspaziergang in der Nähe des Stadions. Am Einlass gab es diesmal keinerlei Probleme wegen der mitgebrachten Zaunfahne. Überrascht musste ich jedoch feststellen, dass drei Stunden vor Anpfiff die begehrten Zaunfahnenplätze belegt waren. Hätte Deutschland im Finale gestanden, hätte ich das auf Grund der hiesigen „Fahnenmafia“ ja verstanden. Aber diesmal hatten die Italiener und Spanier alles in Beschlag genommen (und das war auf Grund der Finalpaarung auch völlig in Ordnung). Trotzdem fand ich einen guten Fahnenplatz im Oberrang, welcher sich in unmittelbarer Nähe unserer Sitzplätze befand. Weniger überraschend fanden wir das Vorprogramm, welches wieder vom altbekannten Showmaster im schwarzen Anzug moderiert oder besser gesagt zelebriert wurde. Nach nicht enden wollender Show, ging es mit der offiziellen Abschiedsveranstaltung der Europameisterschaft los. In einer groß angelegten Choreographie bewegten und tanzten sich die in Neonfarben „getarnten“ Darsteller auf dem abgedeckten Spielfeld. Auf der Gegentribüne erstreckte sich ein überdimensionaler EM-Pokal, welcher wahrscheinlich von Sepp Blatter und Michel Platini eigenständig aufgeblasen wurde. Dabei wurde der Weg  beider Mannschaften ins Finale auf dem Spielfeld mit Flaggen nachgezeichnet.

 

Nach dem alle Darsteller das abgedeckte Spielfeld verließen, konnte das Finale beginnen. Wie auch schon im Viertelfinale pfiff der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca das Finale in Kiew. In der ersten Halbzeit legten die Spanier furios los und erspielten sich mehrere gute Chancen. Durch ideen- und trickreiche Kombinationen, gelang es der spanischen Auswahl zwei Tore vor dem Pausentee zu erzielen. Bereits kurz nach Wiederanpfiff der zweiten Halbzeit, wechselte der italienische Trainer zum dritten Mal einen seiner Spieler aus. Da sich in der 62. Spielminute der zuvor eingewechselte Thiago Motta verletzte, spielte die italienische Auswahl nur noch mit zehn Spielern. Die Spanier bauten den Druck weiter auf und spielten den Gegner förmlich an die Wand. In Fußballfachkreisen sprach man vom sogenannten „Next-Level“. Die meisten waren ja mittlerweile nicht mehr vom „Tiki-Taka“ begeistert. Was die spanische Auswahl jedoch im Finale zeigte, sollte man ganz weit oben im Fußballsport einordnen dürfen. Den nie gefährdenden Sieg feierten die mitgereisten spanischen Fans lautstark. Uns gefiel der „Tiki-Taka“ Fußball sowieso, weshalb wir uns auch für die Spanier riesig freuten. Zudem durften wir am Ende den bisher höchsten Finalsieg (4:0) einer Europameisterschaft erleben. Außerdem gelang es der spanischen Auswahl zum ersten Mal, den Europameistertitel zu verteidigen. Keiner Nation war dies bisher gelungen. Der spanische Trainer Vicente del Bosque darf sich nun in eine Reihe mit Helmut Schön stellen, welcher bis dahin der einzige Trainer war, der den Titel Europameister und Weltmeister errang. Nach dem Schlusspfiff gab es noch ein großes Feuerwerk und eine obligatorische Siegerehrung. Unser Fazit fällt derweil sehr positiv aus, wir erlebten ein faszinierendes Finale, in einer Stadt, welche jede Menge interessanter Orte beherbergt. Die Menschen waren offen und sehr gastfreundlich. Kiew! Wir würden dich wieder besuchen...

Der Royseleiter

 

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