Est-ce que vous êtes rock'n'roll?

Da sitzt man im Beaujoire und plötzlich kommt einem Youri Djorkaeff in den Sinn. Warum? Keine Ahnung. Wikipedia verrät einem dann, dass dieser in Lyon das Licht der Welt erblickte. Zufall? Wohl kaum, denn der heutige Gegner des FC Nantes hieß Olympique Lyonnais. Für die Youri, dessen Großvater übrigens kalmückischer Kosake war, niemals gespielt hat.

 

Die Ausgangssituation war klar. Wollte Nantes weiterhin am Europapokal schnuppern, musste ein Sieg her. Der achtfache gegen den siebenfachen Französischen Meister. Ein echtes Prestige-Duell. Wobei Lyon alle seine Meistertitel in den Nuller-Jahren ergatterte. Der letzter nantaiser Titel rührt übrigens aus dem Jahre 2001. Die Mannschaft des Gasts war heute jedenfalls nicht mehr als nur noch ein Schatten der großen Zeit. Kurze paranthèse: Wer ist französischer Rekordmeister? Richtig, die Männer vom heiligen Stephan, die AS St. Étienne. Und was verbindet St. Étienne und Nantes? Richtig, die Loire.

 

Aber zurück zu Olympique. Wer erinnert sich nicht mehr, als Sidney Govou die Bayern in der Champions Leaque demütigte und die sich aus Frust darüber den niederländischen Wunderstürmer Roy Maakay aus La Coruña ergatterten? Vom Glanz alter Tage am heutigen nichts zu spüren. Der FC Nantes machte die Partie. Musste nach 20 Minuten eigentlich 4:0 führen. Drückend überlegen. Das Tor war eine Frage der Zeit. Und in der 41. Minute war es soweit. Ein langer Verteidiger, mit dem klangvollen Namen Oswaldo Vizcarrondo und einer zotteligen Mähne, drückte einen verlängerten Freistoß über die Linie. Aber: Abseits entschied der Schiedsrichter. Mit dieser Entscheidung kamen die Hausherren nicht klar. Lyon bereits im Tempogegenstoß und Alexandre Lacazette mit dem vollkommen unverdienten 0:1.

 

Um mich herum sprangen mehrere Grüppchen von Olympique-Anhängern auf und präsentierten ihre Utensilien. Ich kenn da ja Vereine, bei dennen solche Umstände unmöglich wären. Ich denke da besonders an einen. In Nantes kein Ding. Fantrennung? Warum auch! Très sympa. Mein Nachbar hingegen haderte. "Une occasion", fluchte er und ich pflichtete ihm bei. Denn innerlich war ich mir meiner Schuld bewusst. War ich doch wieder mit meinem Finnen angereist, dem ich in der Straßenbahn alle finnischen Fußballer aufsagen musste, die ich kenne. Mikael Forssell, Jari Litmanen, Teemu Pukki, Sami Hyppiä und zu meiner Schande: Timo Furuholm vom Halleschen FC. Einen vergessen?

 

Er machte mir jedenfalls deutlich, dass heute der Tag sei, an dem er sich einen Schal des hiesigen Primus zulegen werde. Also flanierten wir in die boutique officielle. Schließlich brauchte ich auch noch einen Fetzen für das Rattenloch. Wir waren allerdings etwas danieder geschlagen, als wir die Preise erblickten. 15 - 17 Euro. Der einzig annehmbare zugleich der teuerste. Wir vertagten die Entschiedung, da sich mein Begleiter auch ein Bierglas zulegen wollte und ich nicht sicher war, wie glücklich das Sicherheitspersonal darüber gewesen wäre. Ich unterbreitete mein Angebot, den Kauf eines Schals in die Hände des Schicksals zu legen: sollte der FC Nantes gewinnen, würden wir in grün-gelb gekleidet den Heimweg antreten.

 

Und so saß ich nun betrübt in der Halbzeitpause auf meinem Platz. Schuldbewusst das Schicksal herausgefordert zu haben. Die Jungs auf dem Platz hatten super gespielt und ich würde keinen Schal bekommen. Eine echt lose-lose-Situation. In der Halbzeituntermalung traten zwei Jugend-Teams in den Borea-Farben eines großen französischen Telekommunikationsunternehmen gegeneinander an, mit dem Ziel den Ball von der Mittellinie aufs Tor zu führen und an des Gegners Hüter vorbei ins Tor zu spitzeln. Gefühlt nur jeder 15te Schuß ging ins Tor. Wenn das der gelobte nantaiser Nachwuchs war, wunderte mich es nicht mehr, dass die Torausbeute nicht einmal das Attribut "mangelhaft" verdiente. Der Stadionsprecher beendete die fünfzehnminütige Unterbrechung mit der Frage, ob wir denn alle rock'n'roll wären, woraufhin uns die Stones um die Ohren geschleudert wurden.

 

In der zweiten Halbzeit verflachte das Spiel. Nantes kam nur zu wenigen Chancen. Lyon verteidigte geschickter. Die beste Chance war wieder ein echter Freistoßkracher, den der Gästehüter gerade so abwehren konnte. Und dann, dann war es wieder so weit. Yoan, der mit dem klangvollen Namen, Gourcuff, der alte Bretone, ausgebildet beim Lokalrivalen Stade Rennais, zauberte kurz ein wenig und schließlich gab es Elfmeter. Bafetimbi Gomis trat an und verwandelte unter den Augen der tribune loire, die die Entscheidung mit einem gellenden Pfeiffkonzert zu verhindern suchte.

 

In der 84. Minute war es Publikumsliebling und Capitano Filip Djordjevic der das 1:2 besorgte. Und da war sie wieder. Die Unsicherheit der Gäste. Es wurde wieder gesolpert was das Zeug hielt. Das 2:2 lag in der Luft. Stattdessen gab es jedoch Gelb und kurz darauf glatt Rot für den gefeierten Torschützen. Nachdem der Schiedsrichter einen lang getretenen Freißstos abpfiff, fing Djordjevic den Ball und holte zum Wurf auf dem Schiedsrichter aus. Der dachte sich, dass wir hier doch nicht beim Brennball sind und schickte den Capitano duschen, obwohl er den Wurf nicht ausgeführt hatte. Aus die Maus. Es hatte nicht sollen sein. Die Stimmung war dennoch ordentlich, im Vergleich zum PSG-Spiel auch ein etwas größeres Repertoire. Sehr beeindruckend, wie nach einem Tor für die Nantaiser alles nach vorne stürmt. Die Pogo-Interpretation von Dale Cavese hingegen sorgte für ein wenig Kopfschütteln.

 

Vor dem Spiel hatte ich mir übrigens einen Eindruck vom Stadion-Catering verschafft. In bestem Französisch hatte ich bei einem kleinen Bub meine Bestellung aufgeben. Ein Hot Dog. Er schaute mich an und meinte: "Deutscher?". Glückseelig war er, als er auf Deutsch die fünf Euro für das Baguette mit Wurst einfordern durfte. Herzerwärmend. Umso lustiger, dass mein finnischer Spießgeselle sich anschließend entschied, auch eine Wiener im Baguette-Mantel zu probieren. Mehr muss man zum Stadion-Mampf eigentlich auch nicht los werden, außer dass er teuer ist.

So viel zur IJ-Sektion Nantes, die nun doch mit Schal und Bierglas heim haderte. Wenn die schreibfaule Zunft in der Heimat nicht in der Lage ist, Texte zum Geschehen in der Friedrichstadt beizusteueren, wird's in naher Zukunft nur Bilder vom Atlantik geben. Bonne semaine!

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