Championship, 46. Spieltag: Charlton Athletic - AFC Bournemouth 0:3 (0:2)

 

Sa, 02.05.2015 - 12.15 | 46. Spieltag, Championship

The Valley, 21.280 ZuschauerInnen

Tore: 0:1 Ritchie (10.), 0:2 Arter (12.), 0:3 Ritchie (85.)

 

Bericht:

Mutterns Geburtstag und Schwesters Geschenk machten einen Wochenendtrip mit der Familie auf die Insel möglich. Mit dem Flugzeug in die Hauptstadt des ehemaligen Empires. Das alles auf Kosten des DSC-Auswärtsspiels beim SV Rot-Weiss. Aber geschenkt, auf die Mappe gab's eh. Gläsel ballert den Sport-Club in die Stadoberliga, darauf kann man, retrospektiv betrachtet, getrost verzichten.

 

Also, alles auf ein fußballfreies Wochenende eingestellt. Wirklich? Ausflug ins Heimatland des Fußballs? Und dann ohne Ground wieder nach Hause? Natürlich nicht. Ohne großes Nachdenken, das sollte sich rächen, doch das Glück war uns Leichtmatrosen hold, auf den Spielplan geschaut. Tottenham? Noe! West Ham? Noe! Watford? Vielleicht, aber weit. Wimbledon? Nicht noch mehr Amateurfußball. Charlton. Hey, die mit dem jeilen Logo und den guten Vereinsfarben. Ja, da dachte ich noch, die seien, wie das Logo präsentiert, Schwarz-Rot.

 

Also flog uns EasyJet, mit der groben Vorstellung im Hinterköppel, dass uns die Reise ins "Valley" verschlagen sollte, nach London. Das Arbeiterviertel Charlton, bekannt für seine hohe Arbeitslosigkeit, welch Treppenwitz und die enorme Kriminalitätsrate, gehört zum Royal Borough of Greenwich, Nullmeridian, ihr wißt schon. Und wie es der Zufall so wollte, hatte die geliebte Schwester für Samstag eine Bootsfahrt von Westminster nach Greenwich gebucht. Nach Grinnitsch, wie der Engländer sagt. Ankunft war gegen 11:30. Besser hätte das der Royseleiter nicht planen können.

 

Wem das nach zu viel Dusel klingt, der ist noch nicht mit der Reisegruppe "Vollverstrahlt" unterwegs gewesen. Das intensive Studium des Spielplans auf Kicker.de hatte die Anstoßzeit für 13.15 ergeben. Also noch eine ganze und eine dreiviertel Stunde Zeit bis zum Kick-Off. Mit diesem gemütlichen Puffer im Rücken konnten wir ganz in Ruhe einen Stadtteilplan und eine Queen-Elizabeth-Kaffeetasse im Souvenirshop ergaunern, ehe wir uns zu Fuß in Richtung Valley aufmachten. Busse wären zu tausenden Gefahren, aber wir hatten ja Zeit. Eine Stunde Fußmarsch später stellten wir uns dann doch die Frage, wo hier ein Stadion sein soll. Müssten wir nicht langsam mal da sein? Goolgemaps versprach: noch 10 Minuten.

 

Immer forsch voran ins Glück. Wir erreichten wie "geplant" die National Railway Station "Charlton". Hier muss es sein. Doch warum sieht man nirgend's jemand mit den Utensilien des lokal Primus? Stattdessen vernahmen wir Raunen und Chants aus der Ferne. Machen die schon vor dem Anstoß Alarm? Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Du Blödi, dachte ich. Zeitverschiebung. 12.15 ist Anstoß. Jetzt aber Druck. Dank unseres dennoch großen Zeitpolsters erst eine Viertelstunde verpasst, dafür zwei Drittel der gefallenen Tore.

 

Am Stadion schnurrstracks den Weg zum Gästeblock eingeschlagen, mussten wir noch eine Ehrenrunde zum Heimeingang drehen. Dort begrüßten uns die diensteifrigen Spießgesellen Dick und Doof in ihren schönen Müllabfuhrwesten. Freundlichst wurden wir angeraunzt, was wir denn suchten. TICKET OFFICE, ihr Banausen. Isses etwa sold-out? Noe, aber Karten gibt's nur für Members. Und da befanden wir uns in dem sonnigen Albtraum, den ich unterschwellig erwartet hatte. Zerstampften uns diese beiden abgeranzten Kanaillen gerade tatsächlich unsere Hoffnungen auf ein Fußballspiel?

 

Mit "try your luck" schickten uns die beiden Fluch-der-Karibik-Komparsen zum Ticketschalter. Von sechs waren noch zwei offen. Die blonde Dame knallte uns direkt ein Schild vor die Nase: CLOSED! Very much thank you dear Lady... Am letzten offenen Schalter: "Gibt's noch Karten?" (inkl. Hundeblick), "Seid ihr Members?", "No?", "Ich hab nur noch was ganz hinten." Und da purzelten die Steinchen. "Nehm' wa!", "Kostet aber 15 Pfund each!", und nochmehr Steine purzelten.

 

Wir rechneten mit Unsummen für Plätze am Klo, ohne freie Sicht dank intelligenter Dachkonstruktion und Sitzzwang am obersten Ende der Tribüne. Wobei der nette Verkäufer unter "hinten" direkt am Spielfeld verstand, die Plätze aber lediglich am Ende der Gegengeraden lagen, aus Sicht des Ticket Office eben "hinten" und nicht letzter Platz, wo's zieht. Rasch-rasch und ohne auch nur eine Kontrolle durchlaufen zu müssen, konnten wir unsere Prachtplätze am Gästeblock und in unmittelbarer Spielfeldnähe um die 30. Minute beziehen. Besser als Nüschde.

 

Im ausverkauften Gästeblock feierten die Bournemouth-Anhänger den sicheren Aufstieg. "The Reds are going up." Vor uns zog Matt Ritchie, der rechte Flügelspieler, eine abartig geniale Show ab. Meistens nur mit Foul zu stoppen, arbeitete sich der Junge am Schiedsrichter ab, der die Vergehen der Gegner nichtmal mit einem Pfiff ahndete. Nachdem wir ihn für seine ewige Reklamiererei mit Spott überzogen, zeigte der Junge was in ihm steckt. An der rechten Strafraumkante erhielt er den Ball, lupfte selbigen in unnachahmlicher Manier millimetergenau über den Kopf seines Gegenspielers, um folgend direkt abzuschließen und den Ball über den Hüter an die Latte zu lupfen. Von da an schnalzten wir bei jedem seiner Ballkontakte mit der Zunge. Ritchie schenkte uns dann kurz vor Schluß auch noch ein Tor. <3

 

Bei Charlton hingegen ging nicht viel. Sowohl spielerisch als auch stimmungstechnisch. Ab und zu hörte man nach zaghaften Torschußversuchen ein-paar "red&white army"-Schlachtrufe. Von da an war mir auch klar, dass die Vereinsfarben nicht Schwarz-Rot sind. Höhepunkt war ein Doppelwechsel zu Beginn der zweiten Hälfte, mit dem das Wechselkontingent ausgeschöpft wurde. Kurz danach kam es, wie es kommen musste und es verletzte sich erneut ein Addick, wie man die Fans und den Verein nennt. Also ging's in Unterzahl weiter.

 

Bournemouth spielte die Partie ruhig hinunter. Etwa in der 89. Minute wurde die Ruhe abrupt unterbrochten. Gefühlt der gesamte Oberrang raunte, dort hatte sich eine große Anzahl an Gästeanhängern breit gemacht. Plötzlich eskalierte auch der Gästeblock. Um uns herum sprangen Menschen auf und blickten ungläubig um sich. Alles Anhänger der Cherries. Da wir völlig unvorbereitet ins Spiel gingen, wussten wir nur, dass der AFC bereits aufgestiegen war, ansonsten ging es doch für beide Vereine im Spiel nur um die goldene Bockwurscht. Doch der FC Watford rangierte als Tabellenführer mit 88 Punkten vor Bournemouth mit 87.

 

"We love you Wednesday" schallte es durch's Valley. In der 91. Minute hatte Sheffield in Watford das 1:1 erzielt. Just als wir uns informiert hatten, raunte es wieder und die Bournemouth-Anhänger gingen richtig ab. Abpfiff in Watford, Bournemouth ist Meister. Wer hätte geglaubt, dass Engländer solchen Rabbatz machen können. Jetzt zahlte sich die falsche Anstoßzeit aus, so hatten wir mehr Zeit bis unser Schiff wieder ablegte. So konnten wir die Meisterfeier und die Übergabe des Pokals mitnehmen. Als Fan von erfolglosen Fußballvereinen war es zu schön, inmitten von freudetrunkenen Cherries diese überraschende Meisterschaft miterleben zu dürfen.

 

Anschließend drehten wir noch eine kleine Ehrenrunde um dieses traumhafte Stadion. Gelegen mitten im Wohngebiet, taucht es plötzlich vor einem auf. Oh Mutterland des Fußballs, danke für dieses einmalige Erlebnis. Für Bournemouth, ein 130.000-Einwohnerstädtchen an der Channelcoast, übrigens der erste Aufstieg in die Premier League.

 

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