Viertelfinale, Landespokal: Chemie Leipzig - 1. FC Lok Leipzig 0:1 n. V. (0:0, 0:0)

 

Chemie: Dölz - Karau, Wajer, Trogrlic, Müller, Heinze (117. Heyse), Schmidt (73 Bury), Bunge (81. Schlüchtermann), Ludwig, Kind, Schmidt; Trainer: Dietmar Demuth

 

1. FC Lok: Latendresse-Levesque - Trojandt, Hanne, Fritzsch, Georgi (98. Brügmann), Becker, Ziane, Gottschick, Surma (46. Ibold), Zickert (K), Wendschuch (65. Watahiki); Trainer: Heiko Scholz

 

Besonderes Vorkommnis: Rote Karte Steffen Fritzsch (62., grobes Foulspiel)

 

Tor: 0:1 Hiromu Watahiki (117.)

 

ZuschauerInnen: 4.999 im Alfred-Kunze-Sportpark

 

Bericht:

Für den ersten Besuch im altehrwürdigen Georg-Schwarz-Sportpark bot sich das Derby und die Frage wer ist die Nummer zwei im Leipziger Fußball gerade zu an. Das Stadion der Chemiker trägt heute den Namen des Leutzscher Meistertrainers Alfred Kunze, der übrigens 1958 an der Seitenlinie stand, als der SC Lok Leipzig in Cottbus gegen den SC Einheit Dresden das Endspiel um den FDGB-Pokal verlor und nicht mehr denen des SPD-, USPD- und KPD-Politikers, der im November 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Dieses Urteil gegen Georg Schwarz wurde am 12. Januar 1945 in Dresden von den Nationalsozialisten vollstreckt. Unter anderem weil er der Widerstandsgruppe "Schumann-Engert-Kresse" angehörte. Außerdem gab er mit anderen die illegale Zeitung "Widerstand gegen Krieg und Naziherrschaft" heraus.

 

Der erwähnte SC Lok ging Anfang der 50er Jahre aus der BSG Chemie Leipzig hevor, bzw. wurde diese als Abteilung Fußball dem neuen Schwerpunktclub angeschlossen. In den 60er Jahren gab es wieder einmal eine wunderbare Sportreform im DDR-Fußball. Die besten Fußballer besagtem SC Loks und von Rotation Leipzig sollten künftig den neuen 1. FC Lok zu Meisterehren führen, der "Rest von Leipzig" ging in der BSG Chemie auf, die prompt und entgegen aller Direktiven die Meisterschaft holte. Die Rollen waren von nun an klar verteilt. Der Underdog aus dem Leutzscher Holz, der sich den Gängelungen des System widersetzte, gegen den Schwerpunktclub 1. FC Lok, zu dem die besten Spieler delegiert wurden und der in den 80ern sogar in schnieken Adidas-Trikots auflaufen durfte und im Europapokal die Massen mobilisierte. Eine Geschichte die nur der DDR-Fußball schreiben konnte.

 

Doch die Geschichte des Derbys ist viel älter. Bereits im Jahr 1909 fand das erste Spiel Leutzsch gegen Probstheida statt, freilich noch unter ganz anderen Namen. Damals wurde in Leutzsch unter der Bezeichnung "Britannia Leipzig" gekickt. In Probstheida spielte der ruhmreiche VfB. Das Aufeinandertreffen im sächsischen Landespokal stellte die 99. Begegnung dar. Das erste unter den beiden von der DDR-Sportführung gewollten Namen BSG Chemie und 1. FC Lok seit 31 Jahren. Zwischenzeitlich hatten die Vereine mehrfach ihre Namen geändert. Während aus Lok nach dem Mauerfall der traditionsreiche erste Deutsche Fußballmeister VfB Leipzig wieder auferstand und in der Bundesliga spielte, wurde aus Chemie der FC Grün-Weiß 1990. Kurze Lebensdauer inklusive, denn es erfolgte eine Fusion mit dem SV Chemie Böhlen, der neue Name: FC Sachsen Leipzig. Dieser überdauerte immerhin 2 Dekaden, ehe es zur Auflösung des FC Sachsen gekommen war. Rein rechtlich betrachtet trat die SG Leipzig-Leutzsch die Nachfolge an, die auch große Teile des Nachwuchs übernahm. Doch auch diese ging Pleite und es könnte vom Ende der Leutzscher Fußballtradition gesprochen werden.

 

Doch ein paar Jahre zuvor hatten sich die Ultras des FC Sachsen vom Verein losgesagt. Differenzen zum Umgang mit der eigenen Geschichte, die Verbannung der Chemie-Tradition aus dem Stadion und das Verhältnis des Vereins zum eigenen faschistischen Anhang sorgte für einen Bruch, der nicht mehr zu kitten war. Die Ultras gründeten ihren eigenen Verein, die Ballsportgemeinschaft Chemie Leipzig, die heute verwirrenderweise wieder Betriebssportgemeinschaft Chemie Leipzig heißt, obwohl der Produzent der künstlichen Brause Hauptsponsor des Leipziger Erstligisten ist. Zu allem Überfluß sieht sich ein weiterer Verein in der grün-weißen Tradition. Der Leutzscher Fußballverein Sachsen Leipzig. Dieser spielt der derzeit nach einem Aufstieg in der vorletzten Liga, führt die Tabelle an, mobilisiert aber mit zweistelligen Zuschauerzahlen kaum die Massen.

 

An solcherlei Absurditäten hält sich ein echter Traditionalist natürlich nicht auf. Auch nicht in Probstheida, wo der glorreiche VfB ebenfalls den Weg der Insolvenz gehen musste und für ein zweites Mal für immer aus dem Vereinsregister verschwand. Die in der DDR hängen gebliebenen Anhänger des VfB's gründeten ihren 1. FC Lok Leipzig auch ohne Unterstützung durch die Reichsbahn ebenfalls neu und starteten wie die Chemiker in der untersten deutschen Fußballklasse. Wie in Leipzig gute Tradition, fanden beide Vereine bereitwillige Steigbügelhalter, die dabei halfen, einige Ligen zu überspringen. Kritikwürdig ist dieses Vorgehen natürlich nur im Falle RBs.

 

Die Fans des letztgenannten Produkts der Leipziger Fußballtradition hofften am letzten Wochenende insgeheim auf das Eintreten sämtlicher Prophezeiungen, die die Medien im Vorfeld der Partie vorher gesagt hatten. Die "Mutter aller Derbys", wie es der Leutzscher Stadionsprecher titulierte, war als "Hass-" oder "Hooligangipfel" gepriesen wurden. Gewaltexzesse wurden befürchtet. Die herabgestufte Kapazität des AKS und die eigenwillige Kartenverteilung der Hausherren führte dazu, dass letztlich vielleicht sogar mehr Krawalltouristen im Stadion waren, als Fans der beiden Mannschaften. Die Polizei hatte Leutzsch zur Festung ausgebaut, mehrere Sicherheitsringe sorgten dafür, dass das Stadion nur mit Tickets zu erreichen war. Die Gästefans durften sich an ihrem Stadion treffen und wurden per Shuttle-Busse vom Plache-Stadion zum Kunze-Sportpark transportiert. Dem harten Kern wurde Aufenthaltsverbot und Meldepflicht erteilt, so war der schwache Support und die Ermangelung einer Choreo zum Einlauf keine wirkliche Überraschung.

 

Im Heimbereich hingegen wurde der komplette Unterrang mit Plastikbahnen eingehüllt. Darauf zu sehen: BSG Chemie Leipzig in grün-weiß, nach dem die Bahnen gedreht wurden: Gruppo Anti Lok in schwarz-weiß. Ungewohnt unkreativ, dafür gewohnt monumental für Chemiker-Verhältnisse. Auch die Stimmung auf Heimseite entsprach selten dem von offizieller Seite angekündigten Hexenkessel. Zum einen war natürlich viel zu viel Platz im halbleeren Sportpark aufgrund der Sicherheitsvorgaben, andererseits ist der Chemie-Support viel zu komplex, um Gelegenheitsbesuchern ein spontanes Einsteigen zu ermöglichen. Manchmal stellte sich zudem die Frage, wem der Support dient, dem in den Schlaf wiegen oder dem Anfeuern der eigenen Mannschaft. 

 

Auf dem Feld hingegen war Feuer drin. Die Spieler schenkten sich keinen Zentimeter grüne Räsenfläche. Allerdings geizten sie auch arg mit eindeutigen Torraumszenen. Keine Mannschaft war zunächst in der Lage, die Angst vor der eigenen Courage abzulegen. Vor allem die Lokisten versuchten mit dem erbärmlichen Mittel der Schwalbe zum Erfolg zu kommen, was der Schiedsrichter aber schnell durchschaute und jedes mal abwinkte. Dafür teilte Blau-Gelb oftmals überhart aus, was der Schiedsrichter ebenso wenig ahndete. Bei jedem Foul wurde anschließend geschubst und gepöbelt, mehrfach kam es zu Rudelbildungen und regelrechten Keilereien, bei denen einige Spieler zu Boden gingen. In der 62. Minute war Schluß mit lustig, Steffen Fritzsch hatte einen Konter mit gestrecktem Bein und ohne Aussicht auf Ballkontakt mit einer Grätsche von Hinten in die Beine unterbunden. Die Rote Karte war die richtige Entscheidung. Von da an lief die Partie in gerade zu friedlichen Bahnen. Kurze Zeit witterte Chemie Morgenluft und attackierte ohne aber zu nennenswerten Chancen zu kommen. Doch die letzten zwanzig Minuten waren es die Mannen von Ex-DSCer Heiko Scholz, die die Chemiker am eigenen Strafraum einschnürten. Aber schießen wollte an diesem Tag auch auf Seiten des Clubs scheinbar keiner und so blieben auch hier gefährliche Abschlüsse Mangelware. Noch ein Schlenker hier und ein Querpass da, weg waren der Ball, die Chance und mit 0:0 ging es in die Verlängerung.

 

Eine Verlängerung hätte es ebenfalls am Bratwurststand gegeben. Im Block direkt am elektrischen Brutzelfeuer umgarnte der Geruch frisch gegrillter Wurst Nase und Gaumen und schon nach zehn gespielten Minuten der Ersten Halbzeit unterlagen die Triebe dem Ruf der Sirenen. Dem vom köstlichen Duft angelockten Hungerleidenden offenbarte sich eine meterlange Schlange und nach sage und schreibe 40 Minuten Wartezeit hielt unsere Reisegruppe drei Bratwürste in den Pfoten. Dabei wurde erst am Grill selbst Auskunft gegeben, dass zum Erstehen einer Wurst eine Marke von Nöten wäre. Die nebst am Bierstand zu erwerben wäre. Nochmal 10 Minuten am Bierstand plus 40 Minuten Bratwurstschlange anstehen? Wenigstens der jämmerliche Kick wäre erspart geblieben. Doch erbarmungswürdigerweise akzeptierte der wortkarge Grillmeister passende Bezahlung. Was sich zu einem Teufelskreis entwickelte. Statt sich ein oder zwei Bratwürste zu bestellen, wedelte der neureiche Chemikeranhang mit den Zwanzigern und bestellte gleich acht Würste. Was letztlich zur gängigen Praxis wurde und noch mehr Leute zum Vorhaben trieb, ihr komplettes Taschengeld gegen Bratwurst zu tauschen und zu noch längeren Schlangen führte, da nicht mehr als vier Würste in fünf Minuten zu grillen waren.

 

Der Höhepunkt eines an Höhepunkten armen Spieles war schließlich der Freistoß von Hiromu Watahiki. Dieser landete abgefälscht in den grün-weißen Maschen und der angereiste Anhang aus Probstheida tobte in Extase. Die sportlich geschulte Lokalpresse schätzte den Ball schließlich als haltbar ein und skandierte ungeschrieben Torwartfehler. Ein wahrlich würdiger Schlußpunkt unter ein maues Derby. Dabei hatten die Chemiker in der Verlängerung die besseren Chancen, ein gefährlicher Kopfball von Bury konnte vom blau-gelben Keeper in rot gerade so entschärft werden. Ein wahrhaft sehenswerter Freistoß, getreten von selbigem Bury nur kurze Zeit später, knallte schließlich an den Innenpfosten und von da ins Aus. Abstoß Lok! Das schließlich der erwähnte Gaggelfreistoß zur Entscheidung führte, war nur zu sinnbildlich für dieses Derby. Die Chemiker sangen tapfer weiter, doch es sollte nichts nützen, die Mannen vom sympathischen Ex-Babelsberger und Ex-Paulianer Dietmar Demuth hatten von Krämpfen geplagt nichts mehr zuzusetzen.. 

 

Als Fazit bleibt zu behalten, dass dieses wunderschöne Stadion im Leutzscher Holz unbedingt erhalten werden muss. Mit über 10.000 an den Spielfeldrand gedrängten ZuschauerInnen wäre es mit Sicherheit zum erwarteten Grün-Weißen Hexenkessel gekommen. Statt der Verlängerungen hätte es in guter englischer Tradition ein Wiederholungsspiel im Bruno-Plache-Stadion geben müssen.

 

Bilder:

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